Weblog KPAG Kosmidis & Partner – die deutschsprachige Anwaltskanzlei in Griechenland

Europas Schande – Ein Gedicht von Günter Grass

Publiziert am 6.Juni.2012 von Abraam Kosmidis

Da hat er mir aus der Seele gesprochen, der Günter Grass. Danke. Schande Europas – die Idee Europas ist für mich tatsächlich schändlich gescheitert. (Ein Artikel von Michaele Cerstin Frey)

Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.
Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.
Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.
Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.
Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.
Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.
Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.
Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.
Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.
Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.
Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.
Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.

(Autor: Günter Grass)

Voller Scham und Entsetzen verfolge ich seit Tagen die hämischen und polemischen Rezensionen vieler sogenannter Deutscher Bildungsbürger unter den Artikeln über Griechenland in der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – unter anderem.

IWF Chefin Lagarde verkündet munter und gut gekühlt, die afrikanischen Kinder bräuchten unsere Hilfe mehr als die Griechen – die Griechen sollen sich und Ihrem Nachwuchs selber helfen und Steuern zahlen. Ein schöner Ratschlag von jemandem, der für das stolze Gehalt von rund 37.000 Euro im Monat selbst keine Steuern entrichtet, wie ich der britischen Zeitung „Guardian“ entnehmen konnte.

Nein, wir wollen jetzt darüber hinaus auch nicht weiter ausführen, das 50 Jahre Entwicklungshilfe bislang ohne nennenswerte Resultate geblieben sind. Der Internationale Währungsfonds gibt sich allzu gern großzügig. Allerdings profitieren die armen Entwicklungsländer (und somit die Ärmsten in Afrika …) kaum von den Programmen dieser Organisation. Im Gegenteil: Eiskalt fokussierte Klientelpolitik zugunsten der reichen Industrienationen und IWF-Geldgeber treibt Asien und Afrika immer weiter in die Abhängigkeit. Großzügigkeit sieht anders aus.

In Griechenland sind die SOS Kinderdörfer unterdessen überlaufen von Kindern, deren Eltern sie nicht mehr vernünftig versorgen und ernähren können – kein Grieche würde sich ohne akute Not jemals von seinem Kind trennen. Das griechische Krankenversicherungs-System ist zusammengebrochen, die Rücklagen wurden vom verschuldeten bankrotten Staat eingezogen. Ich spreche die Griechen nicht frei von aller Schuld – die wahren Schuldigen allerdings sind meiner Meinung nach die damaligen „Macher“ die kurzsichtig ein einheitliches Währungssystem brachial auf vollkommen unterschiedliche Märkte geklatscht haben. In der Grundschule gibt das Mathematik Basiswissen schon genug her um zu erkennen, das das nicht funktionieren konnte. Und das Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ funktioniert schon auf dem Bau nicht. Vom Bau Europas hätte man wahrlich mehr Sachverstand und Achtsamkeit erwarten dürfen.

Und dennoch: Griechenland IST – anders als die Türkei – EUROPA. Nicht nur als Namensgeber durch die griechische Gottheit Europa, sondern auch geographisch. Wie also können wir uns gut fühlen in Deutschland mit den Millionen die wir jedes Jahr in die vom Kalkül diktierte Entwicklungshilfe anderer Kontinente pumpen, während Kinder quasi vor unserer Haustüre Hunger leiden?

Na, Mensch, die reichen Griechen sollen den Staat doch sanieren anstatt ihr Geld ins Ausland zu schaffen erklärt mir deutlich bodenständiger Stammtischbruder Werner selbstbewusst und reichlich angedudelt um die Ecke in der Taverne. Werner hat sicher recht – mal abgesehen davon, das er selbst seinen riesigen Swimmingpool als Pflanzbecken und sein Gästeappartement als Lagerschuppen bei der griechischen Baubehörde angegeben hat. Um Abgaben und Steuern zu sparen. Werner ist kein Einzelfall.

Und bitte sehr: Wann haben das jemals die Deutschen Steuerhinterzieher getan – ich meine, wann hat der fingerhebende Deutsche Staat diese auf der ganzen Welt beheimatete gierige und verschlagene Spezies der Steuerhinterzieher je ernsthaft seiner Vermögen beraubt?

Eine weibliche Rezensentin eines FAZ Artikels schrieb gar voller Schadenfreude und wohliger Häme: „Da gehen sie hin, die stolzen Griechen, die kühnen Spanier …“ woher, frage ich mich, kommt nur dieses unerträgliche Maß an dämlicher Polemik und rückgratloser Selbstgerechtigkeit?

Ein gebuchter Feriengast im Beach House fragte via Mail an, ob er das Geld für die Hausmiete in Bar mitbringen könne – er habe vor einigen Tagen einen Bericht im deutschen (ZDF) Fernsehen verfolgt, nachdem es in Griechenland so viel Betrügerei mit Ferienmiethäusern gäbe. Meine Vielzahl positiver Bewertungen bei FEWO scheint nicht zu überzeugen. Aber ich soll es nicht persönlich nehmen. Tue ich nicht, nein wirklich – ich wundere mich über gar nichts mehr. So wird jetzt auch von den Europäischen Medien die letzte Säule – der Tourismus – gezielt kaputt gemacht. Einen Bericht über Ferienhausbetrug (in Spanien) habe ich gestern tatsächlich gesehen – die Betrügerin vermietete mehrfach eine Villa, die gar nicht existierte. Die Deutsche wurde von den spanischen Behörden nach Deutschland abgeschoben.

Suche ich bei ebay nach Gütern, so steht mittlerweile bei jedem dritten Deutschen Händler unterdessen „Lieferung Europaweit – mit Ausnahme Griechenland“. Und das, obgleich dort alles ohnehin per Vorkasse beglichen werden muss.

Eine Freundin, die mich auf der Durchreise besuchte und die Griechenland liebt und seit vielen Jahren bereist, sagte mir, sie habe noch niemals ein so trauriges Volk gesehen. Die Griechen sind traurig. Und enttäuscht. Die Menschen hier fragen mich, was die Deutschen eigentlich gegen sie haben. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ich kann es selber nicht verstehen. Die Freundlichkeit, die Achtung und Gastfreundschaft mit der man deutschen Touristen hier – allen Anfeindungen aus Deutschland trotzend – immer noch begegnet – nötigt mir hingegen Respekt ab.

In meinem Heimatland, in Deutschland, kann ich diese Größe zur Zeit leider nur noch bedingt finden. Sicherlich – die Ära von Platon († 348/347 v. Chr.) und Sokrates (469 v. Chr.) ist hier vorbei – die von Schiller (1759) und Goethe (1749) allerdings auch – obgleich DAS nun wirklich noch nicht soo schrecklich lange her ist …

Und während ich mir das hier von der – zugegeben aufgebrachten – Seele schreibe, machen die hilfsbedürftigen Banken weiterhin ihren Reibach – zur Zeit wird besonders kräftig gegen den Euro gewettet: Anti-Euro-Wetten auf Rekordhoch

Der griechische Sündenbock lenkt in den Medien gottlob von der gezielten, eigenen Demontage der Währung ab. Geht Griechenland aus dem Euro, verschwinden die Gewinne der Banken lichtschnell ins Nirgendwo, die Geldhäuser rufen „Krise“ und die EZB wird helfen. Den Banken wohlgemerkt – nicht den Menschen. Einen schönen Bericht über eines unserer großen Geldhäuser und deren Wohltaten in Krisenzeiten und fremden Ländern können Sie hier schauen: Verzockt – und verklagt: Die guten Geschäfte der Deutschen Bank

Aber mindestens zwei Wahrhaftige haben wir doch noch im Deutschen Land, auf die ich wirklich richtig stolz bin: Günter Grass und Joachim Gauck.

Ich weiß nicht, warum mir abschließend gerade noch der weise und wunderbare Satz einer deutschen Schwimmerin durch den Kopf geht: „Meine Mutter hat mir beigebracht, sei freundlich zu Deinen Mitmenschen auf dem Weg nach Oben – auf dem Weg nach Unten wirst Du allen wieder begegnen.

(Quelle / Autor: Beach House / Michaele Cerstin Frey)