Weblog KPAG Kosmidis & Partner – die deutschsprachige Anwaltskanzlei in Griechenland

Ein Gleichnis zur Finanzkrise in Griechenland

Publiziert am 24.Juli.2012 von Abraam Kosmidis

Die Parabel von dem kranken Patienten – ein Gleichnis zur Finanzkrise in Griechenland.

Jetzt ist es wieder so weit. Griechenland soll nach dem erneuten Wunsch einiger Politiker wieder mal aus dem Euro heraus gedrängt werden. Es soll kein Geld mehr in ein „Fass ohne Boden“ fließen. So plausibel diese Ansicht klingen mag umso kurzsichtiger ist sie. Es wurde bereits viel zur Griechenland-Krise gesagt, deshalb wird das Thema hier jetzt einmal aus einer anderen Perspektive dargestellt.

Eine Epidemie nimmt ihren Lauf:

Ein Infekt verbreitet sich rasch von den USA nach Europa. Ein bereits schwer kranker Patient, wird infiziert. Er geht zum Arzt. Dort wird ihm zu seiner Genesung eine Medizin verschrieben. Die Diagnose und die verabreichte Medizin erweisen sich jedoch als falsch. Der Zustand des Patienten verschlimmert sich deshalb dramatisch. Jetzt sagt der Arzt, dass man dem Patienten nicht mehr helfen könne und dass nicht die falsch verschriebene Medizin, sondern der Patient selbst an der Verschlimmerung seines Zustandes schuld sei. Da man nichts mehr für ihn machen könne, solle er auf die Selbstheilungskräfte seines Organismus hoffen oder auf sein Ende warten. So, oder so ähnlich lässt sich die Situation kurz vor und nach Eintritt der Griechenland Krise in wenigen Worten beschreiben.

Die Anamnese und Diagnose:

In den USA platzte bekanntlich die Immobilienblase und Lehman Brothers ging in die Insolvenz. Dies löste zunächst eine Finanz- und Bankenkrise aus, welche rasch Europa erreichte. Die Spekulanten fühlten sich auf den Plan gerufen und wollten aus dem Szenario Kapital schlagen. Griechenland litt zu diesem Zeitpunkt an jahrzehntelang aufgelaufenen pathogenen Problemen, so u.a. unter einem völlig aufgeblähten Staatsapparat, welcher organisatorisch über oder fehlbesetzt war. Die Verwaltung war nicht leistungsfähig und unflexibel. Die Gewerkschaften und bestimmte politische Gruppierungen zwangen den Staat regelmäßig trotz geringer Produktivität und mäßigem Wachstum zu unverhältnismäßigen Lohn- und Gehaltssteigerungen. Finanziert wurde dies über die alljährliche Neuverschuldung so lange, bis keine finanziellen Mittel mehr verfügbar waren. Darüber hinaus stieg das Außenhandelsdefizit ständig, während man Regulative wie die Abwertung der eigenen Währung und die Handelszölle eingebüßt hatte. Damit war Griechenland der geeignete Einstiegskandidat für die Spekulanten. Chancen ergaben sich zum einen bei Währungsgeschäften (Euro-Dollar Verhältnis), auf dem Aktienmarkt, bei den Staatsanleihen und einfach bei den Wetten auf die Staatspleite von Euroländern.

In diesem Zustand der Erkrankung und unter den maroden Staatsfinanzen stark leidend, begab sich der Patient (Griechenland) zum Arzt (zum IWF und unter den Europäischen Rettungsschirm). Hier wurden ihm eine akute Überschuldung bescheinigt und folgende Ursachen diagnostiziert:

  • Der aufgeblähte und unproduktive Staatsapparat mit seinen immensen Kosten,
  • die hohe Bürokratie,
  • die vielen unrentablen staatlichen Unternehmen,
  • die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit,
  • die vielen geschlossenen Berufe,
  • die Unverhältnismäßigkeit zwischen Lohnkosten und Produktivität, usw.

Dem Patienten wurde nun Heilung durch Einnahme der verschriebenen Medizin (Austerity-Maßnahmen in Verbindung mit Milliardenhilfen zur Umschuldung der bestehenden Darlehen und fälligen Bonds, kurzum das Memorandum) versprochen. Nachdem der Patient keine andere Wahl hatte (es drohte die unmittelbare Zahlungsunfähigkeit und damit der wirtschaftliche Exitus) nahm er die Medizin kurzentschlossen ein und hoffte auf seine baldige Genesung.

Heilungsverlauf und Kunstfehler:

Die verabreichte Rosskur führte jedoch anstatt zu einer Besserung zur dramatischen Verschlechterung seines Krankheitsbildes. Denn durch die einseitigen Sparmaßnahmen des Memorandums (die verabreichte Medizin) ohne die parallel notwendigen Investitionen (die richtige Medizin) wurden nun auch andere, ursprünglich gesunde Organe des Patienten (die Privatwirtschaft) von der Krankheit befallen. Das geschah durch die Ingangsetzung einer Abwärtsspirale durch welche nun die noch einiger Maßen gut funktionierende griechische Wirtschaft in eine starke Depression rutschte. (Erhöhung der Steuern und Kürzung der Löhne führte zu geringerem Konsum, dies wiederum zu finanziellen Schwierigkeiten der Unternehmen, dies dann zu Entlassungen und Arbeitslosigkeit, was wiederum zu noch geringerem Konsum und noch mehr Unternehmensschließungen etc. führte). Darüber hinaus wurden die ausgereichten Darlehen zweckgebunden zur Umschuldung der bestehenden staatlichen Verbindlichkeiten ausgereicht, damit die Banken und Finanzinstitute der Darlehensgeber keine Verluste erleiden mussten. In den griechischen Finanzkreislauf flossen hingegen keine Finanzmittel ein. Hinzu kam noch der finanzielle Engpass der griechischen Banken durch fehlende Refinanzierungsmöglichkeiten und die damit einhergehende Streichung bzw. Herabsetzung von Kreditlinien und die fehlende Ausreichung von Krediten. Damit war aus der Finanzkrise des Staates auch eine Krise der Privatwirtschaft geworden.

Nun war der Patient also noch schlimmer erkrankt als vor seiner Behandlung. Kunstfehler wurden wider besseres Wissen nicht eingeräumt. Denn nach den „Regeln der ärztlichen Kunst“ konnte zu keinem Zeitpunkt eine derartige Krise durch einseitige Sparmaßnahmen besiegt werden. Weder nach dem 2. Weltkrieg wurden Deutschland, noch den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung etwa Sparmaßnahmen als Allheilsmittel des Wiederaufbaus auferlegt, sondern Investitionen getätigt. Sparmaßnahmen allein waren hingegen in vergleichbaren Krisen nach den Regeln der gängigen Wirtschaftslehren kein probates Mittel. Tatsächlich haben die Erhöhung der Steuern in Griechenland zu der vorbeschriebenen Abwärtsspirale und zu einer Verminderung der Staatseinnahmen anstatt zur erwarteten Erhöhung geführt. Darüber hinaus ist allgemein bekannt, dass gerade staatliche Investitionen zum Anschub des Wirtschaftswachstums geeignet sind. Dies alles wurde aber im Falle Griechenlands ignoriert und heute möchte niemand an der Verschlechterung des (ursprünglich selbst herbeigeführten) Zustands mitverantwortlich sein.

Es ist leider zu befürchten, dass den Ärzten auch an den – bereits anstehenden – weiteren Patienten der selbe Kunstfehler unterlaufen wird. Dies würde in absehbarer Zeit zum Verlust dieser Patienten führen, was aber zugleich den Verlust der Kunden bedeuten würde, mit welchen man dann seinen Wohlstand weiterpflegen möchte. Das bisherige Krisenmanagement der EU ist damit wohl gescheitert und bedarf dringend eines kurzfristigen und deutlichen Richtungswechsels. Die Krise wird sich bis in die Länder weiterfressen, welche heute noch glauben, dass sie vor ihr gefeit sind, falls die Fehler nicht erkannt, eingeräumt und behoben werden.

Überlegungen zur EU und zum Euroland:

Deutschland braucht die EU, da es ohne einen großen Binnenmarkt in naher Zukunft wirtschaftlich nicht mehr alleine existieren kann. Mit einem 80 Mio. Binnenmarkt ist das bei der Exportnation Deutschland nicht zu bewerkstelligen. Deutschland exportiert über 60% seiner Produkte in den EU-Markt. Es hat deshalb ein fundamentales Eigeninteresse daran, dass der EU- und Euroland- Markt erhalten bleibt. Die schwächeren EU- und Euroländer haben andererseits ihr Regulativ der Handelszölle und der Abwertung ihrer Währungen durch den EU- und Eurobeitritt verloren. Durch die erheblich höheren Importe aus, als die Exporte nach Deutschland, steigert sich stetig das Außenhandelsdefizit von Ländern wie Griechenland. Damit ist offensichtlich, dass das ohne die Einführung eines Ausgleichsmechanismus auf Dauer nicht funktionieren kann. Wenn aber schon ein Land wie Deutschland ohne das Regulativ des Länderfinanzausgleichs nicht bundesweit die gleichen Rahmenbedingungen gewährleisten kann, wie soll das dann in einem viel größeren Gefüge mit wesentlich mehr kulturellen und wirtschaftlichen Unterschieden wie der EU und dem Euroland ohne ein solches Regulativ funktionieren können?

Darüber hinaus nützen Exporte nichts, wenn die Schuldner zahlungsunfähig werden. Umsatz allein ist ohne den dazugehörigen cash-flow nichts wert. Deutschland wäre Exportweltmeister ohne Einnahmen. Andererseits werden China und die übrigen BRIC-Staaten auf Dauer nicht aus Deutschland importieren, sondern nur die Technologie abkupfern und die Waren günstiger selbst produzieren.

Natürlich würde der große Binnenmarkt durch die Austritt Griechenlands nicht wesentlich kleiner werden. Aber würde es nur bei Griechenland bleiben oder würden auch etliche andere Länder folgen. Vieles spricht dafür. Und was würde dann übrig bleiben von dem großen Binnenmarkt?

Außerdem benötigt Deutschland auch die kleineren Länder. Sie sind einer der Gründe, weshalb der Euro nicht durch die Decke schießt und auf einem „akzeptablen“ Verhältnis zum Dollar verbleibt. Exporte wären mit der D-Mark zum Beispiel um ein Vielfaches schwieriger, weil die Waren zu teuer wären. Auch diese Überlegung ist bei dem Wunsch nach einem Austritt der schwächeren Länder zu berücksichtigen.

Deutschland braucht deshalb die EU und den Euro und Europa braucht Deutschland. Anstatt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man Griechenland zum Austritt aus dem Euro bewegen könnte, sollte schnellstmöglich dazu übergegangen werden, den Rahmen und die Voraussetzungen für die wirtschaftliche und politische Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen.



Troika lädt Griechenland zum Selbstmord ein

Publiziert am 9.Februar.2012 von Abraam Kosmidis

Der Vorsitzende des Dachverbands der Gewerkschaften der Arbeitnehmer in Griechenland charakterisierte die Forderungen der Gläubiger als Einladung zum Selbstmord.

In einem Interview mit „Zeit-Online“ unterstrich der Vorsitzende der GSEE (Γενική Συνομοσπονδία Εργατών Ελλάδας = Dachorganisation der gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeitnehmer in Griechenland) Herr Giannis Panagopoulos seine völlige Ablehnung der Maßnahmen, welche die Troika und die Gläubiger von Griechenland verlangen. Der Vorsitzende der GSEE argumentiert in dem Interview, dass „das Hilfsprogramm für Griechenland missglückt ist und die Reformen der Troika das Land zerstören„:

Frage: Herr Panagopoulos, in Athen streiken heute zehntausende Menschen und protestieren gegen die Lohnkürzungen. Sie sind Vorsitzender der größten Gewerkschaft, der GSEE. Warum befinden sie sich während dieser Situation in Deutschland?
Antwort: Der Streik wurde erst am Montag (06.02.2012) beschlossen. Die Troika versucht offensichtlich, die griechische Regierung zu erpressen anstatt mit ihr zu verhandeln. Um neue Kredite zu erhalten, muss unsere Regierung die Forderungen des IWF, der EZ und der EU akzeptieren. Es ist an der Zeit, dass die öffentliche Meinung in Deutschland erfährt, was wirklich in Griechenland geschieht!
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