Weblog KPAG Kosmidis & Partner – die deutschsprachige Anwaltskanzlei in Griechenland

Europas Schande – Ein Gedicht von Günter Grass

Da hat er mir aus der Seele gesprochen, der Günter Grass. Danke. Schande Europas – die Idee Europas ist für mich tatsächlich schändlich gescheitert. (Ein Artikel von Michaele Cerstin Frey)

Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.
Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.
Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.
Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.
Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.
Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.
Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.
Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.
Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.
Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.
Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.
Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.

(Autor: Günter Grass)

Voller Scham und Entsetzen verfolge ich seit Tagen die hämischen und polemischen Rezensionen vieler sogenannter Deutscher Bildungsbürger unter den Artikeln über Griechenland in der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – unter anderem.

IWF Chefin Lagarde verkündet munter und gut gekühlt, die afrikanischen Kinder bräuchten unsere Hilfe mehr als die Griechen – die Griechen sollen sich und Ihrem Nachwuchs selber helfen und Steuern zahlen. Ein schöner Ratschlag von jemandem, der für das stolze Gehalt von rund 37.000 Euro im Monat selbst keine Steuern entrichtet, wie ich der britischen Zeitung „Guardian“ entnehmen konnte.

Nein, wir wollen jetzt darüber hinaus auch nicht weiter ausführen, das 50 Jahre Entwicklungshilfe bislang ohne nennenswerte Resultate geblieben sind. Der Internationale Währungsfonds gibt sich allzu gern großzügig. Allerdings profitieren die armen Entwicklungsländer (und somit die Ärmsten in Afrika …) kaum von den Programmen dieser Organisation. Im Gegenteil: Eiskalt fokussierte Klientelpolitik zugunsten der reichen Industrienationen und IWF-Geldgeber treibt Asien und Afrika immer weiter in die Abhängigkeit. Großzügigkeit sieht anders aus.

In Griechenland sind die SOS Kinderdörfer unterdessen überlaufen von Kindern, deren Eltern sie nicht mehr vernünftig versorgen und ernähren können – kein Grieche würde sich ohne akute Not jemals von seinem Kind trennen. Das griechische Krankenversicherungs-System ist zusammengebrochen, die Rücklagen wurden vom verschuldeten bankrotten Staat eingezogen. Ich spreche die Griechen nicht frei von aller Schuld – die wahren Schuldigen allerdings sind meiner Meinung nach die damaligen „Macher“ die kurzsichtig ein einheitliches Währungssystem brachial auf vollkommen unterschiedliche Märkte geklatscht haben. In der Grundschule gibt das Mathematik Basiswissen schon genug her um zu erkennen, das das nicht funktionieren konnte. Und das Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ funktioniert schon auf dem Bau nicht. Vom Bau Europas hätte man wahrlich mehr Sachverstand und Achtsamkeit erwarten dürfen.

Und dennoch: Griechenland IST – anders als die Türkei – EUROPA. Nicht nur als Namensgeber durch die griechische Gottheit Europa, sondern auch geographisch. Wie also können wir uns gut fühlen in Deutschland mit den Millionen die wir jedes Jahr in die vom Kalkül diktierte Entwicklungshilfe anderer Kontinente pumpen, während Kinder quasi vor unserer Haustüre Hunger leiden?

Na, Mensch, die reichen Griechen sollen den Staat doch sanieren anstatt ihr Geld ins Ausland zu schaffen erklärt mir deutlich bodenständiger Stammtischbruder Werner selbstbewusst und reichlich angedudelt um die Ecke in der Taverne. Werner hat sicher recht – mal abgesehen davon, das er selbst seinen riesigen Swimmingpool als Pflanzbecken und sein Gästeappartement als Lagerschuppen bei der griechischen Baubehörde angegeben hat. Um Abgaben und Steuern zu sparen. Werner ist kein Einzelfall.

Und bitte sehr: Wann haben das jemals die Deutschen Steuerhinterzieher getan – ich meine, wann hat der fingerhebende Deutsche Staat diese auf der ganzen Welt beheimatete gierige und verschlagene Spezies der Steuerhinterzieher je ernsthaft seiner Vermögen beraubt?

Eine weibliche Rezensentin eines FAZ Artikels schrieb gar voller Schadenfreude und wohliger Häme: „Da gehen sie hin, die stolzen Griechen, die kühnen Spanier …“ woher, frage ich mich, kommt nur dieses unerträgliche Maß an dämlicher Polemik und rückgratloser Selbstgerechtigkeit?

Ein gebuchter Feriengast im Beach House fragte via Mail an, ob er das Geld für die Hausmiete in Bar mitbringen könne – er habe vor einigen Tagen einen Bericht im deutschen (ZDF) Fernsehen verfolgt, nachdem es in Griechenland so viel Betrügerei mit Ferienmiethäusern gäbe. Meine Vielzahl positiver Bewertungen bei FEWO scheint nicht zu überzeugen. Aber ich soll es nicht persönlich nehmen. Tue ich nicht, nein wirklich – ich wundere mich über gar nichts mehr. So wird jetzt auch von den Europäischen Medien die letzte Säule – der Tourismus – gezielt kaputt gemacht. Einen Bericht über Ferienhausbetrug (in Spanien) habe ich gestern tatsächlich gesehen – die Betrügerin vermietete mehrfach eine Villa, die gar nicht existierte. Die Deutsche wurde von den spanischen Behörden nach Deutschland abgeschoben.

Suche ich bei ebay nach Gütern, so steht mittlerweile bei jedem dritten Deutschen Händler unterdessen „Lieferung Europaweit – mit Ausnahme Griechenland“. Und das, obgleich dort alles ohnehin per Vorkasse beglichen werden muss.

Eine Freundin, die mich auf der Durchreise besuchte und die Griechenland liebt und seit vielen Jahren bereist, sagte mir, sie habe noch niemals ein so trauriges Volk gesehen. Die Griechen sind traurig. Und enttäuscht. Die Menschen hier fragen mich, was die Deutschen eigentlich gegen sie haben. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ich kann es selber nicht verstehen. Die Freundlichkeit, die Achtung und Gastfreundschaft mit der man deutschen Touristen hier – allen Anfeindungen aus Deutschland trotzend – immer noch begegnet – nötigt mir hingegen Respekt ab.

In meinem Heimatland, in Deutschland, kann ich diese Größe zur Zeit leider nur noch bedingt finden. Sicherlich – die Ära von Platon († 348/347 v. Chr.) und Sokrates (469 v. Chr.) ist hier vorbei – die von Schiller (1759) und Goethe (1749) allerdings auch – obgleich DAS nun wirklich noch nicht soo schrecklich lange her ist …

Und während ich mir das hier von der – zugegeben aufgebrachten – Seele schreibe, machen die hilfsbedürftigen Banken weiterhin ihren Reibach – zur Zeit wird besonders kräftig gegen den Euro gewettet: Anti-Euro-Wetten auf Rekordhoch

Der griechische Sündenbock lenkt in den Medien gottlob von der gezielten, eigenen Demontage der Währung ab. Geht Griechenland aus dem Euro, verschwinden die Gewinne der Banken lichtschnell ins Nirgendwo, die Geldhäuser rufen „Krise“ und die EZB wird helfen. Den Banken wohlgemerkt – nicht den Menschen. Einen schönen Bericht über eines unserer großen Geldhäuser und deren Wohltaten in Krisenzeiten und fremden Ländern können Sie hier schauen: Verzockt – und verklagt: Die guten Geschäfte der Deutschen Bank

Aber mindestens zwei Wahrhaftige haben wir doch noch im Deutschen Land, auf die ich wirklich richtig stolz bin: Günter Grass und Joachim Gauck.

Ich weiß nicht, warum mir abschließend gerade noch der weise und wunderbare Satz einer deutschen Schwimmerin durch den Kopf geht: „Meine Mutter hat mir beigebracht, sei freundlich zu Deinen Mitmenschen auf dem Weg nach Oben – auf dem Weg nach Unten wirst Du allen wieder begegnen.

(Quelle / Autor: Beach House / Michaele Cerstin Frey)


9 Antworten zu “Europas Schande – Ein Gedicht von Günter Grass”

  1. Josef sagt:

    Die Verursacher der Finanz- und Banken-Krisen, und aller sonstigen Krisen, können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, sie sind nämlich seit einigen tausend Jahren tot; es sind die Urheber/Schöpfer unseres (Zins-)Geldsystems. Diese wussten zwar, dass das Geld fehlerhaft ist (parasitäre Wertaufbewahrungsfunktion), hatten aber keine Lösung dafür. Da sie aber mehr von Psychologie verstanden als alle heutigen Psychologen zusammen, konnten sie diesen Fehler aus dem Bewusstsein der Menschen bis heute ausblenden – Religion.
    Die Technik der religiösen Verblendung funktioniert in der Weise, dass makroökonomische Konstruktionsfehler in einer genialen Metaphorik (Schöpfungsmythos) verborgen werden, die bei gläubigen Menschen beliebige, gegenständlich-naive Fehlinterpretationen provoziert. Diese überdecken wie in einem Vexierbild den eigentlichen, rein ökonomischen Sinngehalt des Mythos, streichen damit die Fehler der makroökonomischen Grundordnung aus dem Bewusstsein und verschieben sie ins Unterbewusstsein (geistige Beschneidung).
    Genau das ist der Grund warum unsere „Spitzenpolitiker“ und „Ökonomie-Experten“ keinen Ausweg mehr finden. Der bisherige Ausweg (Krieg, massenhafte Zerstörung von Sachkapital) ist durch die atomare Aufrüstung nach dem 2. WK versperrt Ein 3. WK mit Nuklearwaffen wäre das Ende mit Schrecken. Durch das Ausbleiben dieser überfälligen Sachkapitalzerstörung ist die “Zinsfeder” heute bis zum Zerreißen gespannt, sodass noch zwei mögliche Szenarien übrigbleiben:
    1. Schrecken ohne Ende (globale Liquiditätsfalle)
    2. Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft)
    Also, in dieser Krise geht es nicht mehr um Schuldige zu finden oder jemanden zur Kasse zu bitten, sondern zu erkennen (1. Schritt), dass unser (Zins-)Geldsystem fehlerhaft ist. Und dieser Fehler kann mit einer konstruktiven Umlaufsicherung (2. Schritt) behoben werden. Alles anderen sind Sandkastenspiele und ein Hinauszögern bis zum Schrecken ohne Ende (globale Liquiditätsfalle).
    Wer eine widerspruchsfreie Analyse der Krisenursachen sucht findet sie
    hier: http://www.deweles.de

  2. HJM sagt:

    Zu dieser geballten Ladung Emotionalität, dürftigst garniert mit wenigen zutreffenden Aussagen, bleibt auch dem geneigten Leser nur eines: Resignation. Steuerfreie Bezüge beim IWF: Pfui! Böse Bänker: Pfui! Angedudelte Stammtischbrüder (wie auch sonst): Pfui! Offenbar ist auch beabsichtigte Barzahlung pfui. Warum? Vorsicht bei Joachim Gauck: ist zwar ein emotionaler Mensch, aber dennoch ein Protestant und damit wohl auch pfui. Vorsicht auch bei GG: er ist ein Narziß und tut nichts lieber,. als sich gegen das zu stellen, was seiner Meinung nach böser mainstream ist. Daß dies zu immer schlechterer Lyrik führt, ist eben Künstlerpech. Und mal ehrlich: hungernde Kinder sind doch hungernde Kinder. Egal wo. Oder sehe ich da etwas falsch?

  3. Mitch sagt:

    Die Wertigkeit von Lyrik und Kunst liegen im Auge des Betrachters. Und polarisieren, wenn sie triggern.
    „Pfui“ ist, wenn man sich ganzheitlich informieren könnte – insbesondere in Zeiten des WWW – es aber nicht tut und sich eben dem von den Medien manipulierten Mainstream anschließt.

  4. HJM sagt:

    Kunst und Lyrik, die „triggern“. Es lebe die (in diesem Fall deutsche) Sprache! Oder geht das nicht allgemeinverständlicher und vor allen Dingen klarer, womit dann jedermann die Wahl hat zwischen Mickey Spillane und Psychoanalyse ?! „Ganzheitlich“ (auch so ein Stück Kuchen) bedeutet offenbar zwingend, daß mainstream -selbiger selbstredend manipuliert- falsch ist.

  5. Mitch sagt:

    Ihr Kommentar ließ darauf schließen, das Ihnen fremdländisches Wortgut vertraut ist – insbesondere wenn dieses bereits seit längerer Zeit geläufiger Bestandteil der Deutschen Sprache ist..:-)

    „Mainstream“ – Abwertend gemeint wird der Begriff als das Gegenteil des Individualismus verwendet…

    Triggern:
    aus dem Englischen „to trigger“ – etwas auslösen.

    Und das tut doch Grass? Oder? Und: die Wahl hat „jedermann“ immer…

  6. HJM sagt:

    Jesus, das ist ja eine tolle Belehrung. „Fremdländisches Wortgut“ klingt irgendwie verdächtig nach Runen und so … Vielleicht soll da ein bißchen stigmatisiert werden?? Das mit dem geläufigen Bestandteil der deutschen Sprache ist einfach zu schön. Bei Mickey Spillane (offenbar unbekannt, ist auch weit, weit weg von GG) pullte Mike Hammer immer gern den trigger. Getriggert hat er m.W. nie. Aber man lernt nie aus.

  7. Silke sagt:

    Vielen Dank für den Artikel, er spricht mir aus der Seele.

    Auf die wahren „Schuldigen“, die Bankster, richtet kaum
    jemand sein Augenmerk. Das würde ja auch Denkarbeit erfordern, es ist bequemer, auf einem ganzen Volk rumzutrampeln – pfui!

    Ich schäme mich unendlich für die widerliche Griechenlandhetze der Mainstreammedien meines Landes.

    Von mir:

    Respekt & Liebe, Griechenland! 🙂

    Danke an den Autor und an Günter Grass.

  8. Mitch sagt:

    Danke Silke.
    Und frei nach Mickey Spillane´s: „Lebe wild, schnell und gefährlich…“ werden wir sehen, wie es mit „Europa“ weiter geht.

    Mitch

  9. HJM sagt:

    Lassen wir mal die Pfuis und die triggernde Lyrik von GG (auch wenn die SZ von heute sehr passend Frau Löffler zitiert, die bei GG einen „Prozess der Entkanonisierung zu Lebzeiten“ ausmacht). Lassen wir auch Herrn Spillane selig.

    Vielmehr Zuspruch für „Mitch“ in einem durchaus nicht unwesentlichen Punkt: das, was die deutschen Printmedien sich an Häme und dümmsten Schlagzeilen, egal wo, ob als Aufmacher von Bild oder versteckt im Feuilleton der FAZ, geleistet haben, ist in der Tat beschämend. Da hilft auch nicht der Verweis auf die genauso dämliche Nazikeule der griechischen Medien.

    NUR: bitte nicht immer umgekehrt das Kind gleich mit dem Bade ausschütten … Ob Frau Lagarde nun brutto=netto verdient ist doch völlig unerheblich für die Bewertung ihrer Meinung. Selbige liegt irgendwo auf der Skala von richtig bis falsch. Und „Mitch“ sollte nicht nur Frust ablassen, sondern besser darüber nachdenken, wo und wie der griechische Staat die Einnahmen generieren könnte, die er braucht, um seine Ausgaben einigermaßen seriös zu decken. Stammtischbruder Werner hat seine Tricks garantiert nicht selbst erfunden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*